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Alexander Puschkin, Boris Godunow. Reclam (Stuttgart) 1989

Überraschung im Spiegelkabinett

Puschkins Vorbilder sind leicht zu erkennen. Ein russischer Byron oder Shakespeare ist er dennoch nicht - sondern mehr.

Im Blankversdrama Boris Godunow erzählt Puschkin die Geschichte des falschen Demetrius oder Dimitrij, eines Mönches namens Grigorij Otrepjew, der sich als dem Mordanschlag Boris Godunows entronnener Zarensohn ausgibt. Im Gegensatz zu Schillers Demetrius ist Puschkins Dimitrij ein bewusster Betrüger.

Puschkins Drama wirkt auf den ersten Blick wie eine mittelmäßige Shakespeare-Kopie. Aber wie Ewgenij Onegin über Byrons Don Juan hinausgeht, so auch Boris Godunow über Henry IV.

Puschkin fühlt sich keiner Untergliederung in fünf Akte verpflichtet. Stattdessen reiht er 24 Szenen aneinander - zwar nicht beliebig ausgewählt, aber doch willkürlich - einer dichterischen Willkür folgend. Sie bespiegeln sich gegenseitig - in so ungewöhnlichen Winkeln, dass es dem Leser oder Zuschauer beim ersten Versuch ganz schwummrig werden kann. Und die Bedeutung mancher Szene erklärt sich erst in der Rückschau.

Schon die erste Szene zeigt Russland in der Krise. Zar Boris Godunow ist zurückgetreten. Das Volk muss den Thronräuber bitten, aus den Thron zurückzukehren. Und - der amtierende Zar räumt (wenn auch nur als Pose) den Thron, den später ein Betrüger besetzen will. Es kann immer schlimmer werden, als es ist.

Im Gedächtnis bleiben zudem die achte Szene, in der der Betrüger und Flüchtling Grischa Otrepjew Begleiter wie Verfolger fast austrickst, und Szene XIV, in der Dimitrijs Braut Marina überraschend machtgeil in den Betrug einwilligt. Und natürlich Szene XXI, der Tod Boris Godunows, des - wiederum überraschenden - Titelhelden, der als Mörder des legitimen Zaren nicht mehr Anrecht auf den Thron hat als ein Grischa Otrepjew. Boris bittet seinen Sohn um mehr Edelmut, als er selbst hatte ("bewahre dir die heilige Reinheit/Der Unschuld immer und der stolzen Scham"). Durch den Sohn, der nicht betrügen und morden muss, ist ein neuer Anfang, eine Rückkehr zur Unschuld möglich.

Die deutsche Übersetzung und das Nachwort stammen von Henry von Heiseler, einem Schüler Friedrich Gundolfs. Die geistige Abstammung zeigt sich in der Erwähnung Stefan Georges als Referenz für literarische Übersetzer, aber auch im vatischen, emphatischen Ton des Nachworts. Mich hat es sehr amüsiert, freilich auf Kosten von Heiselers. In der Übersetzung selbst kann ich von George'scher Diktion keine Spur erkennen. Zum Glück - von George gibt es im Deutschen genug, Puschkin-Übersetzunge sind Mangelware.

Ich habe Puschkin bisher unterschätzt - vielleicht, weil seine Vorbilder so klar zu erkennen sind, zumal Shakespeare und Byron. Und von einem Romantiker, der im Duell stirbt, erwarte ich keine Werke, die das um die Freiheit Griechenlands kämpfende englische Vorbild übertreffen. Doch Boris Godunow hat mich überrascht.

Mai 2002, Florian Edlbauer

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