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Nick Montfort, Twisty Little Passages. MIT Press (Cambridge, MA) 2003. In der Nachfolge der SphinxNick Montfort ordnet 'Interactive Fiction' in dreitausend Jahre poetische Tradition ein. Nick Montforts "Approach to Interactive Fiction" ist die vielleicht erste wissenschaftliche Schrift in Buchlänge, noch dazu bei einem anerkannten Verlag. An vergleichbaren Projekten fällt mir eigentlich nur der historisch-poetologische Teil von Graham Nelsons Inform Designer's Manual, 4th ed. (DM4) ein - und der wendet sich an Autoren. Selbst wer kein Interesse für Textadventures hat, kann sich sicher vorstellen, was Montforts Arbeit für jeden Autor und die meisten Spieler dieser literarischen Computerspiele bedeutet. Annäherung ist hier Programm. Montfort hat den literarisch interessierten Leser anvisiert, der mit 'IF' wenig oder nicht bekannt ist. Dem präsentiert er im wesentlichen seine Version der Geschichte des Genres. Auch wenn es erst nicht so aussieht. Die ersten beiden Kapitel nämlich dienen dazu, Montforts theoretisches Fundament vorzustellen, im ersten Kapitel die Begrifflichkeiten und das Inventarium der Methoden, im zweiten seine Sicht des Genres in der weltliterarischen Tradition, als Fortsetzung des schon vor Beginn der Schriftlichkeit beliebten Rätsels, das man etwa als Sphinx-Rätsel bei Sophokles wiederfindet. Diese Einordnung in eine Tradition ist interessant, Montforts Instrumentarium aber problematisch. Denn die Begriffe werden dekretiert. Für Montfort ist das "text adventure" eine Untergruppe der "Interactive Fiction", in der das Alter Ego des Spielers in einer exotischen Umgebung Abenteuer erlebt. Das ist jedoch unhistorisch; viele 'IF'-Autoren in Montforts Sinn würden sich nicht als solche bezeichnen. (Sicherheitshalber: Im Deutschen verwende ich den eingebürgerten englisch-deutschen Begriff "Textadventure" wie Montfort "Interactive Fiction" - als Oberbegriff. Für mich schließt "Textadventure" sogar Hypertext Fiction beziehungsweise Multiple Choice-Spiele mit ein. Montfort grenzt IF strikt von Hypertext Fiction ab; als Unterscheidungskriterium sieht er das Parsen natürlicher Sprache. Er erweist sich später sogar als Gegner Multiple-Choice-basierter Konversationssysteme in Textadventures. Die Problematik jedoch, dass die Eingabe in Textadventures eben keine natürliche Sprache ist, sondern eine formularhafte Sub-Sprache, die neue Spieler tatsächlich lernen müssen, wird nicht angesprochen, ebenso wie die Beschränkung des Spielers auf de facto wenige Handlungsoptionen trotz der Illusion, "alles" eingeben zu können. Montfort betrachtet also nur die Spiele historisch, nicht die Theorie, und lässt dadurch das Geflecht von "Twisty Little Passages" einheitlicher und linearer aussehen, als es ist. Das mag für eine Einführung sogar von Vorteil sein. Seine Vorstellungen von Autoren und Spielern lesen sich angenehm und zeigen weit reichende Kenntnis des Feldes selbst sowie angrenzender Medien und Werke. Wer ein Spiel schon kennt, erfährt so gelegentlich auch Neues. Deutsche Textadventures sind wie alle in anderen Sprachen als der englischen nicht Thema des Buches. Montfort erwähnt immerhin die begonnene deutsche Übersetzung von Zork, die Tatsache, dass es in anderen Sprachen merklich separate Communities und Wettbewerbe gibt, und weist auf das für 2004 angekündigte, von Emily Short herausgegebene Buch IF Theory hin, in dem ein Artikel von Matthias Oborski die Geschichte der deutschsprachigen Entwicklung von Textadventures behandeln wird. Dezember 2003, Florian Edlbauer |
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